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„Holding Space“ – Von Pferden lernen

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2. Dezember 2016

In bestimmten auf Coaching, Therapie, Persönlichkeitsentwicklung etc. ausgerichteten Zirkeln, stößt man unter anderem auf das Konzept des “Holding Space” für andere (Anm.: ‚den Raum halten‘ – für jemanden da sein, was auch immer für diesen gerade ansteht). Es bedeutet, dass wir für jemand anderen präsent sind, der gerade eine schwierige Zeit mit Kämpfen und Schmerz durchmacht, die am Ende zu persönlichem Wachstum und innerer Transformation führen kann. In diesem Prozess gibt es keine Abkürzungen  – „der einzige Weg heraus ist hindurch” – und unsere Aufgabe ist es, einen sicheren ‚Container‘ für die andere Person bereitzustellen, in dem sie sich geschützt und gehalten fühlt, mit dem, was sie mit uns teilt und was sich ihr gerade präsentiert. Wir sind da, ohne den anderen ‚reparieren’ zu wollen oder ihm die Last seines Schmerzes abzunehmen; wir sind da, ohne zu versuchen, seine inneren Prozesse zu verändern oder zu beeinflussen; wir sind da, ohne ihn und die von ihm möglicherweise getroffenen Entscheidungen zu bewerten; wir sind da mit Empathie und Mitgefühl in unserer Präsenz als aufmerksamer Zuhörer.

Heather Plett hat einen wundervollen Artikel über das ‘Halten des Raumes’ für andere Menschen geschrieben (http://heatherplett.com/2015/03/hold-space/), in dem sie die folgenden Punkte als wesentlich definiert hat:

  1. Erlaube Menschen, ihrer eigenen Intuition und Weisheit zu vertrauen.
  2. Teile nur so viel an Informationen, mit denen die anderen umgehen können.
  3. Nimm ihnen nicht ihre Kraft und Stärke.
  4. Lass Dein eigenes Ego draußen.
  5. Gib ihnen genug Sicherheit, um scheitern zu dürfen.
  6. Biete Führung an und unterstütze mit Bescheidenheit und Aufmerksamkeit.
  7. Schaffe einen Behälter für komplexe Emotionen, Angst, Trauma, etc.
  8. Erlaube ihnen, andere Entscheidungen zu treffen, als die, die Du treffen würdest.

Ich denke, diese Punkte zeigen bereits, warum wir als Menschen manchmal kämpfen, für andere in sinnvoller und wirklich unterstützender Weise da zu sein, und warum Pferde dabei so viel besser sein können. Es braucht ein großes Maß an Empathie und Mitgefühl, um die Verletzlichkeit eines anderen zuzulassen, insbesondere in einer Gesellschaft, in der das Zeigen von Verletzlichkeit und Scheiter als Schwäche klassifiziert wurde, anstatt als das, was es ist: enorme Stärke; es benötigt viel Kraft, uns mit unserem inneren Chaos und unserer Zerbrechlichkeit zu zeigen und daran zu arbeiten und hindurch zu gehen, anstatt dies wegzuschieben und in einer der dunklen Ecken in unserem Inneren zu verstecken.

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Oft fühlen wir uns nicht wohl in der Präsenz des Schmerzes und Leides von jemand anderem, da es unsere eigenen versteckten Wunden berührt und widerspiegelt sowie den Mangel an Empathie und Mitgefühl uns selbst gegenüber. Wie können wir wirklich jemand anderem etwas geben, das wir uns nicht selbst erlauben.

Wir haben außerdem viel Macht und Stärke an Institutionen und Experten abgegeben, die uns sagen, wie die Welt zu sein hat, woran wir glauben und was wir tun sollen, sodass viele von uns vergessen haben, ihre eigene Weisheit, Führung und Intuition zu Rate zu ziehen. Und man kann beobachten, wie sich viele von uns unbehaglich fühlen, wenn jemand den ausgetretenen Pfad verlässt und seiner eigenen inneren Führung folgt, seine volle Kraft und Stärke zurückerlangt und danach handelt. Viele wenden sich entweder ab oder versuchen, die andere Person zurück auf Kurs zu bringen.

Einfach da sein, in voller Präsenz als Zuhörer. Der anderen Person erlauben, einfach zu sein. Was einfach klingt, scheint einer der schwersten Aspekte zu sein, wenn wir jemandem Raum geben. Die Fähigkeit zu echtem Zuhören ohne Bewertung und Beurteilung, ohne unsere eigene Agenda und unser Ego erscheint heutzutage rar. Und das Anbieten von Führung ist nicht das Gleiche wie das Erteilen von Ratschlägen. Es ist sanfter und weicher. Es hat seinen Ursprung in der Stimme des Herzens und der Seele und nicht des Egos. Es wird der anderen Person nicht aufgedrückt, und es bedarf Gefühl für den richtigen Zeitpunkt und Empfangsbereitschaft. Die andere Person darf eine andere Entscheidung treffen. Wir haben keine Autorität.

Wir sollten unsere Angst vor den schwierigen Emotionen anderer verlieren. Wir sind da als Zeuge, um die andere Person und, was sie durchmacht, zu sehen und zu hören und zu würdigen. Wir müssen es nicht verstehen, wir nehmen ihr nichts davon ab, und wir übernehmen keine Verantwortung dafür. Wir sind da.

Pferde sind das einfach. Sie sind da. Sie sind in ihrer vollen Präsenz im Hier und Jetzt. Sie be- und verurteilen nicht. Sie haben keine Agenda. Und sie handeln nicht von einem Platz des Egos.

Sie haben kein Problem mit schwierigen Emotionen. Tatsächlich fordern sie, dass wir vollkommen authentisch sind und unsere Masken abnehmen. Während menschliche Interaktionen oft verlangen, ein fröhliches Gesicht aufzusetzen und einfach weiterzumachen, auch wenn man im Innern genau das Gegenteil empfindet, so funktioniert dies mit Pferden nicht. Sie nehmen unsere verborgenen Emotionen wahr und reagieren auf den inneren Konflikt, den wir präsentieren.

Pferde haben eine unwahrscheinliche Kapazität, die Heilung emotionaler Wunden zu unterstützen. Wenn wir in eine gleichberechtigte und authentische Verbindung mit ihnen eintreten, in der wir ihnen ebenfalls erlauben, zu sein, wer sie wirklich sind, werden sie eine Brücke sein und uns unterstützen, unsere innere Quelle der Führung und Weisheit zu finden. In ihrer Präsenz kann man sich gefahrlos voll zeigen, verantwortlich für die eigenen Emotionen und Gefühle, während man sicher wahrgenommen und vom Mitgefühl der Pferde gehalten wird.

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